Film Coaching: Das Leben nach dem Casting

Teil 2 | 2: Casting erfolgreich bestanden. Das Drehbuch in der Hand.



Was steht da über mich


Die ersten Vorbereitungen sind erledigt (siehe letzter Blog Film Casting). Das Drehbuch wurde bereits mit entspannter Aufmerksamkeit gelesen, jetzt beginnt die nähere Beschäftigung mit der Rolle. Die einzelnen Schritte können hier natürlich nur kurz angedeutet werden und sollen lediglich als Anregung für die eigene Arbeit dienen. Vieles ist aus der Rollen- und Textarbeit auf der Schauspielschule noch präsent und es lohnt sich, sich daran zurückzuerinnern und eigene Ideen einfließen zu lassen.


Lesen und Schreiben


Also, bevor es jetzt an die Rollenfindung geht, nehme man Stift und Papier zur Hand. Am besten ein schönes, leeres Heft, das sich im Laufe der Vorbereitungsarbeit quasi in das zweite „Drehbuch“ verwandelt, in dem sämtlich im originalen Drehbuch zu findenden Notizen, die mit der Figur zu tun haben, niedergeschrieben werden.

Alles, was über meine Figur gesagt wird, wie sie handelt, mit wem sie mehr, mit wem weniger agiert, welche Eigenschaften sie hat, wie sie von anderen wahrgenommen oder besprochen wird – alles, was mir Auskunft über meine Rolle gibt, notiere ich.

Was wissen andere über mich, wo liegen meine Stärken und Schwächen wie verhalte ich mich, wie gehe ich, wie spreche ich… Aber auch Fragen die ich habe, Schlüssiges und Unschlüssiges oder unverständliches handeln der Rolle. Schreiben hat immer etwas Vertiefendes, Bleibendes. Es verankert. In dem Moment, in dem ich etwas zu Papier bringe, prägt es sich in meine Gedanken- und Gefühlswelt tiefer ein, als bloß Gelesenes. Es verbindet sich stärker mit dem Langzeitgedächtnis und kann so zum Samenkorn werden, das mir später als Grundlage für meine Rolle dient.


Die Regieanweisungen nicht überlesen


Auch Regieanweisung sind wesentlich, selbst wenn sie dann am Set anders oder gar nicht umgesetzt werden. Aber der Drehbuchautor hat sich dabei etwas gedacht. Wenn da zum Beispiel steht: „Er trinkt sein fünftes Bier aus, setzt sich aufs Fahrrad und radelt nach Hause“, gibt mir das einigen Aufschluss über meine Figur. Ich füge dann z. B. in meinem Rollenbuch dazu: „Ich bin dem Alkohol nicht abgeneigt, fahre aber im betrunkenen Zustand noch Rad… Aus Leichtsinn? Gleichgültigkeit? Rücksichtslosigkeit? Verzweiflung?“ Auf die notierten Fragen muss es nicht direkt eine Antwort geben. Das meiste beantwortet sich beim weiteren Rollenstudium von selbst. Aber so beginne ich gedanklich das zu das sammeln, was mich die Biografie meiner Rolle bauen lässt?


Wie kann ich das nutzbar machen?


Bis jetzt handelt es sich um ein rein informatives, intellektuelles Sammeln von „objektiven“ Hinweisen aus dem Drehbuch auf die eigene Figur. Aber wie kann ich das vertiefen und zum eignen Erlebnis machen? Eine sehr gute Übung ist folgende: man stelle sich vor, man habe sein Gedächtnis über sich selbst verloren. Man weiß plötzlich nichts mehr über seine Vergangenheit, nichts mehr über sich. Aber zum Glück habe ich die Notizen, die mir helfen, mich wieder an mich zu erinnern. Sie sind der einzige Anhaltspunkt, um mir meine Vergangenheit wieder ins Bewusstsein zu holen. Durch die Notizen baue ich mir meine „vergessene Identität“ wieder auf. Wie ein Puzzle setzt sich so mein Rollenleben aus vielen Kleinigkeiten zusammen.


Die beiden Identitäten


In einem weiteren Schritt suche ich Überschneidungen zwischen mir und der Rolle. Was haben die Eigenschaften der Figur mit meinen persönlichen gemeinsam? Dabei muss man ehrlich zu sich selber sein. Ich liste meine seelischen Eigenschaften auf, von denen ich meine, sie zu besitzen. Empathie, Aggression, Großzügigkeit Verklemmtheit, Ticks, Eigenarten…

Es geht nicht darum moralisch zu werden oder zu urteilen und schon gar nicht darum, irgendwelche psycho-therapeutischen Erkundungen zu versuchen, sondern lediglich zu überprüfen, wie weit meine seelischen Eigenschaften mit denen der fiktiven Biografie deckungsgleich sind.

Denn letztendlich greife in der Darstellung immer auf meine persönlichen Stärken und Eigenschaften zurück. So kann nach und nach das Bild der Rolle mit meiner eigenen Persönlichkeit verschmelzen.


Das kann ein „next step“ zur Rollenerarbeitung sein. Viel Spaß!